10.10.19

Standort Deutschland stärken und sichern

Zur Zeit stehen wir vor drei großen Herausforderungen, die wir gleichzeitig bewältigen müssen:

  1. Der Strukturwandel. Er wird nicht nur durch die Digitalisierung oder die Entwicklung der Antriebstechnik beschleunigt, sondern auch dadurch, dass es längst nicht mehr reicht, unserem Kunden ein Produkt zu verkaufen – wir müssen sein Problem auch lösen.
  2. Wir haben in Deutschland zehn gute Jahre hinter uns. Es besteht die Gefahr, dass uns das ein wenig träge gemacht hat. Unsere Wettbewerber haben aufgeholt und lassen nicht nach.
  3. Die politischen Risiken, mit denen Unternehmen üblicherweise zurechtkommen müssen, sind weit über das Maß hinaus gestiegen: Ein Tweet kann heute schnell in einen Handelskrieg münden, unter dem wir mehr leiden würden, als wir glauben wollen.

All das werden wir bewältigen können. Doch dafür müssen wir die Weichen richtig stellen, denn die Kunden warten nicht auf uns. In jedem Umbruch werden die Karten neu gemischt. Bisherige Erfolge zählen nicht mehr.

Wir sind die Weiterdenker. Wenn wir das wieder gemeinsam beweisen, haben wir die besten Voraussetzungen, um als Unternehmen in Zukunft erfolgreich zu bleiben - und dies auch am Standort Deutschland.

A. Bestandsaufnahme

Wir befinden uns im doppelten Wettbewerb:

  1. Wir konkurrieren mit Wettbewerbern, die ihren Hauptsitz in anderen Ländern haben.
  2. Unsere Standorte konkurrieren untereinander.

Was sind die wichtigsten Standortfaktoren? Eine Umfrage unter Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie hat klare Ergebnisse gebracht:

Wettbewerbsfaktoren M+E-Unternehmen
© IW Medien / iwd 2019

Die Unternehmen gehen also davon aus, dass der größte Wettbewerbsdruck durch Arbeitskosten sowie durch Steuern und Abgaben entsteht. Sie erwarten zudem, dass sich der Druck durch die Arbeitskosten in den kommenden 5 Jahren noch erheblich verschärfen wird.

Ist diese Sorge berechtigt?

Ja: Denn für die M+E-Industrie ist Deutschland der teuerste Standort nach der Schweiz und Norwegen. Dabei wird hierzulande nicht entsprechend mehr erwirtschaftet: Die gesamtwirtschaftliche Produktivität ist von 2000 bis 2018 nur um 19,6 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind die Tariferhöhungen auf 61,3 Prozent geklettert.

M+E-Arbeitskosten im internationalen Vergleich
© IW Medien / iwd 2019
Entwicklung Produktivität und Tariferhöhungen
© Gesamtmetall 2019

Einer der Gründe für die hohen Kosten pro Stunde ist, dass den hohen Entgelten nur eine kurze Arbeitszeit gegenüber steht: Die tariflichen Arbeitszeiten in der Metall- und Elektro-Industrie in Deutschland liegen heute (ohne Auswirkungen des T-Zug!) auf einem internationalen Rekordtief.

Mit durchschnittlich 35,4 Wochenstunden arbeiten die Beschäftigten kürzer als bei ihren europäischen Wettbewerbern: Frankreich (35,8 Wochenstunden), Vereinigtes Königreich (37,0) oder Spanien (38,4). Von China, Korea oder den USA ganz zu schweigen.

      Wochenarbeitszeiten M+E-Industrie im internationalen Vergleich
      © Gesamtmetall 2019

      Neue Techniken und Geschäftsmodellen ziehen neue Wertschöpfungsketten nach sich. Wir kennen uns mit dem Organisieren entsprechender Netzwerke bestens aus. Wenn wir die Kosten im Griff behalten, können wir den Standort Deutschland auch in die Produktion von morgen einbeziehen. Dazu gehört, dass wir unsere Wertschöpfungsketten in die digitale Welt transferieren und uns über geeignete B2B-Plattformen vernetzen.

      B. Folgerungen

      Die Arbeitskosten für die Unternehmen schnellen in die Höhe – bis die Grenze kommt, an dem Standorte in anderen Ländern ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen. Diese Grenze ist bei jedem Unternehmen anders, aber grundsätzlich sollte der Standort Deutschland für jedes Unternehmen die beste Wahl bleiben.

      Wir stehen zu unseren Wurzeln und zu diesem Standort. Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiter, und wir stehen zu dem guten Miteinander zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung bzw. Gewerkschaft und Arbeitgeberverband.

      Stolz und Tradition aber machen niemanden satt. Wir brauchen Kunden, die unsere Produkte kaufen, und wir brauchen genug Kunden, um die inzwischen 4 Millionen Beschäftigten unserer Branche entlohnen zu können. Außerdem endet unsere Verantwortung nicht an der Grenze. In den Werken außerhalb Deutschlands beschäftigt die M+E-Industrie 1.882.000 Menschen. Auch sie gehören zu unseren Unternehmen.

      Unsere Kunden kaufen nicht bei uns, weil wir die preiswertesten im Markt sind. Sie kaufen, weil sie bei uns ein ausgezeichnetes Paket aus Service und Produktqualität zu einem angemessenen Preis bekommen. Dabei dürfen wir uns nichts vormachen: unsere Wettbewerber werden immer besser.

      Der Preis, den wir für unsere Produkte verlangen dürfen, muss konkurrenzfähig sein. Denn: Die Kunden bestimmen, bei welchem Unternehmen sie Waren oder Dienstleistungen einkaufen – mit Blick auf Qualität, Preis und zeitliche Verfügbarkeit.

      © Fotolia 2016 / Coloures-pic

      C. Was tun?

      Den Wettbewerb über die Produktionskosten können wir nicht gewinnen. Aber das wird die Konkurrenz nicht daran hindern, diesen Wettbewerb aggressiv zu suchen. Wir können nicht alle Parameter beeinflussen. Aber wenn wir langfristig bestehen wollen, müssen wir wenigstens bei denen etwas tun, die wir beeinflussen können.

      Dabei geht es nicht darum, die Entgelte zu senken. Aber die Schere zwischen Produktivität und Lohnkosten muss sich wieder schließen. Denn wir dürfen nicht mehr verteilen, als wir erwirtschaften.

      Wenn wir Arbeit haben wollen, müssen wir auch bereit dazu sein, zu arbeiten. Wenn wir die neue Arbeitswelt aufbauen, müssen wir die Arbeit auch erledigen können. Wenn die Kunden ihre Bestellungen erst am St. Nimmerleinstag erhalten, weil bei uns nicht mehr genug gearbeitet wird, dann bestellen sie lieber dort, wo sie das Gewünschte auch wirklich bekommen – selbst, wenn sie lieber bei uns kaufen würden. Wenn niemand da ist, um die Arbeit zu machen, ist irgendwann die Arbeit auch weg.

      Deshalb müssen wir uns auf neue Arbeitsformen einlassen, sie ausprobieren und sie für uns passend machen – und nicht Idealbilder aufstellen, die die Marktwirtschaft nicht oder nur wenigen bieten kann. Das heißt: Lieber gemeinsam Arbeit 4.0 als einsam "home ohne office".

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