Starke Stimme seit 75 Jahren – der VME feiert Jubiläum
Die Lage war schwierig. Die Metallfirmen in Berlin stünden gegenüber den Gewerkschaften unter Druck, alarmiert ein eng beschriftetes Flugblatt. Jeder Betrieb müsse für sich allein Arbeitskämpfe durchstehen, „ging es nun um Lohn, Urlaub, Tarifänderungen oder andere soziale Fragen“. Die Spirale schraube sich stetig nach oben – „das in einem Betrieb Erreichte wurde Mindestforderung gegenüber dem nächsten“. Damit sei nun Schluss: Mit einem neuen Verband werde man künftig alle Fragen der Arbeitsbedingungen zentral regeln. „Wir fordern Sie daher auf, unverzüglich dem AVBM beizutreten. Die Vorteile auch für Ihren Betrieb überwiegen bei weitem die Aufwendungen dafür.“
Tarif-Einigung im Büro des Arbeitssenators
Das Flugblatt stammt aus dem Jahr 1950, und der Sprache fehlte es nicht an Deutlichkeit. Kurz zuvor hatten neun Unternehmen der geteilten Stadt den Anstoß zur Gründung des Arbeitgeberverbands der Berliner Metallindustrie, kurz AVBM, gegeben. Jetzt ging es darum, Mitgliedsfirmen zu werben.
Das ist 75 Jahre her, und der AVBM hatte nicht zu viel versprochen. Binnen kurzer Zeit gelang es dem Verband, mit der IG Metall auf Augenhöhe einen Tarifvertrag zu verhandeln. Von gelebter Tarifautonomie war indes noch keine Rede: Als die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern stockten, zitierte der damalige Arbeitssenator Paul Fleischmann (SPD) die Kontrahenten kurzerhand in sein Büro, um eine Einigung anzumahnen.
Zulauf an Mitgliedsfirmen
Mit der Verbandsgründung hatte die Branche offenbar einen Nerv getroffen. Schon wenige Monate nach dem Startschuss war die Zahl der Mitglieder auf 353 in die Höhe geschnellt. 1960, zehn Jahre später, hatte sie sich gar verdoppelt. Und das trotz der bewegten Zeiten mit Mauerbau und Kaltem Krieg: Infolge der Insellage kehrten viele Firmen, kleine wie große, der Frontstadt den Rücken. Die Metall- und Elektroindustrie blieb dennoch die wichtigste Branche.
Wo alles begann: Im April 1990 wurde im VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hans Beimler in Hennigsdorf der VME gegründet. Im September 1990, noch vor der offiziellen Wiedervereinigung, fusionierte er mit dem AVBM.
Mit der Einheit 1990 begann ein ganz neues Kapitel. Es galt, aus oft unwirtschaftlichen Kombinaten und volkseigenen Betrieben erfolgreiche Unternehmen zu formen – und einen dazu passenden Verband zu gründen. Noch im September 1990, vor der offiziellen Wiedervereinigung, verschmolzen der alte West- und der neue Ost-Verband zum Verband der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg. „Die Begleitung des Umbruchs, das Handhaben von zwei Tarifregionen in einem Verbandsgebiet sorgten für ein Erfahrungswissen, von dem alle Verbände der Metall-Familie profitiert haben“, lobt heute Gesamtmetall-Präsident Dr. Stefan Wolf.
Die DNA des Verbandes
Heute geht der Wandel weiter. Globalisierte Märkte, die digitalisierte Industrie oder die Revolution durch künstliche Intelligenz bedeuten ständig neue Anforderungen an Mittelständler ebenso wie an global agierende Technologiekonzerne. Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Vernetzung sind die Top-Themen für die Branche. „Unsere Juristinnen und Tarifingenieure wissen, wie Wandel funktioniert und was die Betriebe brauchen“, sagt VME-Vorstandschef Stefan Moschko. „Veränderung gehört zur DNA des Verbandes, auch in den nächsten 75 Jahren.“