Transformation ist Tradition
Seit Jahrzehnten ist ZF in Brandenburg ein führender Standort für hochkomplexe Getriebe. Nun öffnet sich das Werk neuen Branchen und Geschäftsfeldern, um das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Mühelos wirbelt der Kuka-Roboter den 150 Kilogramm schweren Metallblock durch die Luft. Wenige Momente später wird ein Elektromotor an das silbern glänzende Sammelsurium aus Zahnrädern, Wellen, Ölleitungen und Kupplungsbauteilen angeflanscht. Nach seiner langen Reise durch die über 80.000 qm große Fertigungshalle hat das hybride Doppelkupplungsgetriebe jetzt eine letzte Bewährungsprobe zu bestehen: Vollautomatisierte Prüfstände checken das Getriebe sorgfältig hinsichtlich Dichtigkeit, Schaltverhalten und Geräuschentwicklung. Dann zeigt das an- und dann wieder absteigende Sirren aus der schallgedämpften Kabine: Das Getriebe beschleunigt problemlos bis zur maximalen Drehzahl. Seiner Auslieferung steht nichts mehr im Wege.
Wurzeln bis ins Jahr 1871
Wer das weitläufige Werksgelände der ZF Getriebe Brandenburg GmbH an der Caasmannstraße betritt, erlebt ein Stück Industriegeschichte. Die Wurzeln des Unternehmens reichen zurück bis in das Jahr 1871. Damals wurden in Brandenburg zunächst Fahrräder produziert, dann Motorräder und Automobile der Marke Brennabor, zeitweise einer der größten Automobilhersteller Europas. Zwischen 1934 und 1945 rollten dann Kampfflugzeuge des Rüstungskonzerns Arado vom Band. Ein Teil des einstigen Hangars ist heute in der Werkshalle eine sichtbare Erinnerung an Brüche, die tiefer gingen als jeder Eigentümerwechsel.
Nach dem Krieg kamen Traktoren und Raupenschlepper, von 1965 bis 1990 wurden Getriebe für die Lkws des IFA-Kombinats gefertigt. Knapp 3.500 Menschen arbeiteten hier vor der Wende. Nach der Übernahme durch die ZF Friedrichshafen AG waren es zeitweilig nur noch 600. Dieser Einschnitt prägt das kollektive Gedächtnis des Werks bis heute.
Platz für Wachstum: Das 263.000 Quadratmeter große Werksgelände bietet viel Potenzial für Neues. Einen Kreativraum mit Co-Working Space, gestaltet nach dem Vorbild von Startups und Inkubatoren, hat ZF bereits eingerichtet. © ZF
Kleiner Standort, große Bedeutung
Inzwischen hat ZF in Brandenburg 1.377 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zählt zur E-Division des ZF-Konzerns, die an 22 Standorten weltweit rund 28.000 Beschäftigte und 10 Milliarden Euro Umsatz zählt. Der Mutterkonzern ZF Group gehört mit 153.000 Mitarbeitern und über 38 Milliarden Euro Umsatz zu den größten Automobilzulieferern der Welt. Brandenburg ist ein kleiner Baustein in diesem Gefüge – und mit Abstand größter Arbeitgeber in der Stadt.
Was in Brandenburg gefertigt wird, ist eine der anspruchsvollsten Komponenten im modernen Fahrzeugbau: Das Doppelkupplungsgetriebe – technisch gesprochen zwei mechanische Schaltgetriebe in einem, die blitzschnell und nahezu lautlos automatisch schalten. Zusammen mit starken Motoren bildet dieses Getriebe das Herzstück von exklusiven Sportwagen, Rennwagen oder Luxuslimousinen. Es ist das Kernprodukt des Standorts, entwickelt für Kunden, die höchste Präzision und Zuverlässigkeit fordern. Inzwischen fertigt man auch ein noch komplexeres Plugin-Hybrid-Getriebe mit integriertem E-Motor. Jedes Jahr verlassen rund 100.000 Hochleistungsgetriebe das Werk.
Welche Zukunft haben die technischen Meisterwerke von ZF angesichts des früher oder später kommenden Verbrennerverbots? „Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Option für uns“, sagt Matthias Retsch. Der Diplom-Ingenieur leitet das fünfköpfige Kernteam, das bei der ZF Getriebe Brandenburg GmbH die Zukunftsstrategie vorantreibt. Der 52-jährige hat das Werk von der Pike auf kennengelernt. Eigentlich ausgebildeter Fotograf, fing er im Jahr 2000 neben seinem Maschinenbau-Studium an der FH Brandenburg als Werkstudent in der Entwicklungsabteilung von ZF an und stieg auf zum Leiter der Konstruktionsabteilung.
Meisterwerke: Die Produktion der Doppelkupplungsgetriebe erfordert viel Präzision und industrielles Know-how. Rund 100.000 Getriebe fertigt ZF Brandenburg aktuell pro Jahr – allerdings ausschließlich für Verbrenner- und Hybrid-Modelle. © ZF
Schlüssel zum Erfolg: unternehmerisch denken
Seit 2024 trägt Retsch noch mehr Verantwortung: Er sorgt dafür, dass eine Strategie für die langfristige Neuausrichtung des Standorts zum Erfolg wird: „ZukunftsFabrik“ heißt das Projekt. Mit dem Slogan „Transformation ist unsere Tradition“ zeigt der Standort, dass er die Heraus- forderung annimmt. Das Konzept sieht vor, das laufende Geschäft zu sichern und gleichzeitig eine neue Fabrik zu erfinden. Ein interdisziplinäres Team treibt es voran, an der Spitze und auf Arbeitsebene paritätisch besetzt mit Vertretern der Geschäftsführung und des Betriebsrats.
Die Strategie sieht drei Zeithorizonte vor: Kurzfristig geht es darum, die Wertschöpfungstiefe im Werk zu erhöhen – etwa durch Ausbau der Gehäusebearbeitung und des Aftermarket-Geschäfts. Mittelfristig sollen neue Kunden im Premiumsegment gewonnen werden. Langfristig richtet sich der Blick bewusst über die Automobilbranche hinaus in Bereiche wie Aerospace, Eisenbahn, erneuerbare Energien, Elektromobilität und weitere industrielle Anwendungen. Die Aufgabe ist klar: „In Zeiten der Unsicherheit muss man sich die eigenen Stärken bewusst machen", sagt Retsch. Bei ZF ist das professionelles Industrialisieren und Produzieren. Deshalb sucht man Unternehmen, die Innovationen entwickeln und professionelle Unterstützung bei der industriellen Serienproduktion benötigen. Der Schlüssel: Networking, Kooperationen, unternehmerisches Denken, Akquisition.
In dieser Hinsicht ist Retsch auch dem VME dankbar, der ihm mit der Veranstaltungsreihe „Industrie trifft Start-ups“ vielversprechende Kontakte in die Startup-Szene ermöglicht hat. „Wir agieren mit der Agilität mittelständischer Unternehmen“, findet Retsch. „Wir brauchen diese Beweglichkeit. Das Spannende ist: Neben Automotive wächst gerade eine ganz neue Welt. Deswegen müssen wir uns draußen tummeln und sondieren, welche Chancen sich ergeben.“
Wo könnte der Übergang in diese neue Welt besser funktionieren als in Brandenburg, wo man schon so viele Umbrüche erlebt und bewältigt hat?
Treibt die Transformation: Matthias Retsch möchte, dass die ZF Getriebe Brandenburg GmbH unternehmerisch wie ein Startup denkt und handelt – und sich zu einer „ZukunftsFabrik“ entwickelt. © VME 2026