„Wir müssen reagieren“
Herr Brandes, wie wird man Verhandlungsführer?
Indem man vom Mitgliederrat des VME in dieses Amt gewählt wird. Das ist in diesem Frühjahr passiert, ich habe mich sehr darüber gefreut. Jetzt stehe ich vor der ersten Verhandlung für den VME.
Sie kennen das Tarifgeschäft bereits.
Genau, ich war bereits in Nordrhein-Westfalen längere Zeit Teil des Verhandlungsteams. Dort haben wir in den vergangenen Jahren trotz kontroverser Meinungen in wertschätzender Atmosphäre an guten Lösungen mit der IG Metall gearbeitet. 2021 haben wir einen tragfähigen Tarifabschluss auf den Weg gebracht.
Was macht einen guten Verhandler aus?
Man muss der Gegenseite zuhören können und ihre Argumente ernst nehmen. Ich arbeite als Personalleiter unglaublich gerne mit Menschen. Zugleich muss man seine eigene Position deutlich machen können, zur Not auch mit Nachdruck. Denn eine Verhandlung ist ja ein Geben und Nehmen. Auch das liegt mir, behaupte ich.
Haben die Arbeitgeber angesichts der Lage überhaupt etwas, das sie der IG Metall geben können?
Das gehört nun einmal bei einer Verhandlung dazu. Wir wollen und müssen eine Lösung finden, die für beide Seiten akzeptabel ist. Das ist uns bisher immer gelungen.
Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Metall- und Elektroindustrie in der Hauptstadtregion?
Schwierig. Wir haben es mit konjunkturellen und mit strukturellen Herausforderungen zu tun. Wir haben noch immer nicht das Vorkrisenniveau von 2018 erreicht. Die Auslastung der Betriebe stimmt nicht. Hinzu kommen die hohen Kosten. Die Produktivität stagniert. Jeden Monat verliert die Branche bis zu 12.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Bürger die Krise sehr real ist. Viele wünschen sich, dass ihr Wohlstand wieder wächst. Dazu müssen wir einen Beitrag leisten, auch in dieser Tarifrunde. Die Metall- und Elektroindustrie hat als Leitindustrie einen großen Einfluss auf andere Branchen. Wenn bei uns die Beschäftigung steigt, geht es auch in anderen Wirtschaftszweigen wieder bergauf.
Wie verkraften die Unternehmen das?
Wir lesen es Tag für Tag in den Medien, dass sich Unternehmen schwertun oder sogar aufgeben müssen. Besonders bei Autoherstellern und ihren Zulieferern ist die Lage schwierig. Hinzu kommen viele neue Wettbewerber mit ihren niedrigen Preisen, gerade aus China und Asien. Auf diese Entwicklung müssen wir reagieren.
Der Neue mit Erfahrung: Henning Brandes ist seit April 2026 Vorsitzender des VME-Mitgliederrats. In dieser Funktion führt er die Verhandlungen mit der IG Metall. Der gebürtige Baden-Württemberger arbeitet als Personalleiter der Region West bei der Siemens AG. Bis 2015 war er für das Personal in Berlin und Ostdeutschland verantwortlich. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und wohnt in Potsdam. © VME 2026 / Leo Seidel
Hat die IG Metall die Dramatik der Lage erkannt?
Einerseits kennt die Gewerkschaft die Zahlen in der Branche. Andererseits gibt es angesichts einer steigenden Inflation eine gewisse Erwartungshaltung bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.
Umfragen zufolge glauben viele Beschäftigte nicht daran, dass die Krise sie persönlich treffen wird.
Ja, das ist erstaunlich. Viele wiegen sich noch in Sicherheit. Wir wissen aber auch, dass für viele Bürgerinnen und Bürger die Krise sehr real ist. Viele wünschen sich, dass ihr Wohlstand wieder wächst. Dazu müssen wir einen Beitrag leisten, auch in dieser Tarifrunde. Die Metall- und Elektroindustrie hat als Leitindustrie einen großen Einfluss auf andere Branchen. Wenn bei uns die Beschäftigung steigt, geht es auch in anderen Wirtschaftszweigen wieder bergauf.
Die IG Metall fordert fünf Prozent und eine Gewinnbeteiligung in gut laufenden Unternehmen.
Das ist völlig unangemessen. Über die Herausforderungen für die Unternehmen durch die Krise habe ich gesprochen. Zudem verlangt die Transformation der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg alles ab. Die Personalkosten sind ein Teil des Problems. Die IG Metall darf sich dieser Einsicht nicht verweigern, sonst gefährdet sie die Produktion und somit die Beschäftigung am Standort Deutschland.
Reicht eine Tarifrunde mit einem maßvollen Abschluss aus, um das Ruder für die Branche herumzureißen?
Wir brauchen ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Das geht los bei Reformen, die die Bundesregierung endlich auf den Weg bringen muss, insbesondere bei den Sozialversicherungsbeiträgen und beim Bürokratieabbau. Wir haben ein Dreieck aus Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaft. Jeder muss seine Hausaufgaben machen. Dann klappt es auch endlich mit dem Aufschwung.