Wo es fließt und dampft
Für den typischen Kreuzberger steht fest: Sein Stadtteil ist der coolste Berlins, wenn nicht der Welt. Kreuzberg ist bunt, schrill und alternativ – ein Sehnsuchtsort für junge Menschen. Doch zwischen Cocktailbars, Burgerläden, Spätis und hippen Modeläden arbeitet auch grundsolide Berliner Industrie. Etwa die Dosch Messapparate GmbH, die ihren Sitz in einem unscheinbaren Hinterhof in der Wiener Straße hat. Nicht wenige Geschäftskunden haben das Firmenschild schon übersehen und mussten erst telefonisch nach dem richtigen Weg fragen.
Ist der Eingang erst einmal gefunden, lässt ein Blick in die Fenster erahnen, dass im Hinterhaus bei Dosch tatsächlich nicht gewohnt, sondern produziert wird. Auf 2500 Quadratmetern, verteilt über vier Etagen, fräsen, schleifen, prüfen und planen die 35 Mitarbeiter neue Messapparate. Und das schon seit 1933. Die Anfänge reichen bis zur Metrum Apparatebau GmbH zurück, die 1920 gegründet wurde und aus der Dosch später hervorgegangen ist. Seit mehr als 60 Jahren ist Dosch nun Mitglied im VME. Wer sich so lange am Markt behauptet, Krieg und Krisen übersteht, muss etwas Besonderes haben, das heraussticht.
Die Produkte von Dosch finden weltweit Abnehmer – vor allem bei den Unternehmen aus der Energiewirtschaft. Die Messapparate aus Kreuzberg werden vorrangig in der Petroindustrie eingesetzt. Bei der Förderung von Rohstoffen geht es darum, die exakte Fördermenge nachzuhalten. Die Messgeräte von Dosch können genau ermitteln, wie viel Flüssigkeit oder Gas bei welcher Temperatur in welcher Zeit durch eine Pipeline fließt.
Wie bei einer Baustelle werden die Strömungswächter und Differenzdruckgeber an einer Verengung eingesetzt und ermöglichen eine äußerst präzise Messung des Durchflusses. Auch Druck- und Füllstandwächter gehören zur Produktpalette von Dosch. Das meiste wird in aufwendiger Handarbeit in Kreuzberg produziert.
Klein, aber klug: Barbara und Martin Dosch (re.) führen den Betrieb seit 1988. Junior Sven ist seit 2016 dabei und steht für die vierte Generation im Familienunternehmen. Der jüngste
Großauftrag: eine große Stückzahl von Durchflusswächtern für die Wasserversorgung in Libyen. © VME / André Wagenzik
Grundlage für die sensiblen Apparate sind die Berechnungen der Ingenieure. Erst nach sorgfältiger Planung wird das Rohmaterial in der Dreherei und in der Schweißerei geformt, bevor die Schweißnahtprüfung, das Kalibrieren, das Sandstrahlen und schließlich die Endkontrolle anstehen.
Von Industrie 4.0 ist dabei noch nicht viel zu sehen – das hat seinen Grund. Automatisierte Produktionsvorgänge sind vor allem für die Serienfertigung geeignet. Die Kunden von Dosch verlangen aber nach sehr individuellen Produkten. „Wir sprechen lieber von einer industriellen Manufaktur“, sagt Barbara Dosch, die das Unternehmen zusammen mit ihrem Mann Martin in dritter Generation führt. Die Qualität jedenfalls stimmt: Die Dosch-Produkte weisen kaum Verschleiß auf und verrichten ihren Dienst 20 bis 30 Jahre.
Dabei ist die Produktion der Messgeräte selbst gar nicht der aufwendigste Teil. Viel mehr Arbeit erfordern die vorangehenden Berechnungen, also das Engineering. „Mittlerweile sind wir eher ein Ingenieurbetrieb mit angehangener Produktion“, erzählt Barbara Dosch mit einem Augenzwinkern. Dieses Know-How um internationale Normen ist in der Messgeräte-Branche heutzutage ein entscheidender Faktor. Auch deshalb ist Dosch in vielen Normausschüssen vertreten.
Steter Tropfen: Solche Differenzdruckgeber von Dosch messen, wieviel Gas oder Flüssigkeit durch ein Rohr geflossen ist. © VME / André Wagenzik
Der gute Ruf verschafft dem Berliner Traditionsunternehmen auch Aufträge für Großprojekte, wie kürzlich aus Libyen. Ein weiteres liegt bei Tengiz – einem Ölfeld in Kasachstan, das von mehreren internationalen Petro-Firmen bewirtschaftet wird. Doch wer für den Weltmarkt produziert, muss zugleich mit den Fährnissen der Politik leben. Die Russland-Sanktionen im Zuge der Krim-Krise etwa hat Dosch zu spüren bekommen. Die Spannungen zwischen den USA, China und Europa tun ihr Übriges. Dennoch sei die Auftragslage heute sehr gut, sagt Firmenchefin Dosch.
Derzeit muss sich der Betrieb einem ganz anderen Problem widmen. Bis Ende 2022 muss Dosch aus dem Firmendomizil an der Wiener Straße ausziehen. Der Mietvertrag läuft aus – nach 89 Jahren. Gerne würden sie in Berlin bleiben, sagt Barbara Dosch, doch einen Standort zu finden, der von Schwerlasttransportern angefahren werden kann und auch sonst allen Vorgaben entspricht, sei in der Hauptstadt derzeit fast unmöglich.
Trotzdem hat sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Zusammen mit ihrem Sohn Sven, der sich mittlerweile in vierter Generation um die Dosch-Geschicke kümmert, will sie einen geeigneten Standort finden. Zumindest die Kunden dürften sich dann leichter tun, das kleine Unternehmen zu finden.