05.10.26

Eine Runde mit Folgen

Jetzt ist es raus: Eine Entgelterhöhung von fünf Prozent will die IG Metall in der bevorstehenden Tarifrunde erreichen. Außerdem eine Gewinnbeteiligung in Betrieben, in denen es besonders gut läuft, dazu noch bessere Bedingungen für Auszubildende und Beschäftigte in unteren Lohngruppen. All das mit einer Laufzeit von nur zwölf Monaten. Das hat die regionale Tarifkommission der Gewerkschaft beschlossen. Schließlich stiegen die Preise rasant, nicht nur an der Zapfsäule, heißt es zur Begründung. Und laut Jan Otto, dem Bezirksleiter in Berlin, Brandenburg und Sachsen, geht es den Firmen „gut bis sehr gut“.

Die Arbeitgeber blicken ganz anders auf die Dinge. „Unsere Branche steckt bereits seit 2019 in der Krise“, kontert VME-Hauptgeschäftsführer Alexander Schirp die Forderung. „Das liegt nicht nur an der anhaltend schwachen Konjunktur. Wir haben mittlerweile ein echtes Standortproblem. Die Kosten in den Betrieben sind zu hoch – das kann die IG Metall nicht einfach ignorieren.“

„Wir brauchen verlässliche Lösungen, damit die Betriebe auch in Zukunft noch wettbewerbsfähig sind." (Alexander Schirp, VME-Hauptgeschäftsführer)

Seit 2015 ist die Arbeit in der deutschen Leitindustrie um 41 Prozent teurer geworden. Ein maßgeblicher Treiber dabei war das Tarifentgelt, das in dieser Zeit um 30 Prozent gestiegen ist. Bei der Produktivität, eigentlich der entscheidende Maßstab für die Verteilung, ging es aber nur um 17 Prozent nach oben. Das Urteil der Unternehmen fällt daher eindeutig aus: Sieben von zehn Firmen gaben in einer Gesamtmetall-Branchenumfrage an, dass teure Arbeit das wichtigste Hindernis für neue Investitionen hierzulande ist.

Es folgen, mit einigem Abstand, hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie und Unsicherheit über die weitere geopolitische Entwicklung. Hier spielen Zölle ebenso eine Rolle wie die Kriegsangst und die Sorge vor weiter steigenden Zinsen und schlechteren Finanzierungsbedingungen.

Engineers wearing hardhats using digital control pendant to inspect smart robotic arm system in industrial factory.

Am langen Arm: Viele Betriebe der Metall- und Elektroindustrie arbeiten mit modernen Maschinen und automatisierter Produktion. Ob sie weiter investieren können, hängt auch vom Ausgang der Tarifrunde ab. Ein hoher Abschluss würde viele Mittel binden. © wanakit - stock.adobe.com

Viele kämpfen mit Minuszeichen

Vor allem der Automotive-Bereich hat mit Minuszeichen zu kämpfen. Fast alle Hersteller und ihre Zulieferer ringen mit der Transformation und der mitunter unfairen Konkurrenz aus dem Ausland. Im Maschinenbau läuft es ebenfalls nicht rund, und die energieintensive Metallerzeugung steckt seit Jahren in der Krise. Hersteller aus dem Bereich Elektrotechnik meldeten zuletzt vergleichsweise gute Geschäfte. Auch die Verteidigungsindustrie kommt voran – allerdings in erster Linie, weil der Staat über hohe Schulden für zusätzliche Nachfrage sorgt. Überdies ist ihr Anteil an der Produktion der gesamten Metall- und Elektroindustrie immer noch vergleichsweise überschaubar.

„Wir brauchen verlässliche Lösungen, damit unsere Betriebe auch in Zukunft noch wettbewerbsfähig sind“, fordert Verbandschef Schirp mit Blick auf die anstehende Auseinandersetzung. Komme es nicht dazu, drohe die weitere Verlagerung von Produktion ins günstigere Ausland. „Wir als Tarifpartner stehen in der Verantwortung, tragfähige Lösungen zu finden.“ Am 12. Oktober beginnen die Verhandlungen im Bezirk Berlin, Brandenburg und Sachsen. Einen weiteren Gesprächstermin haben die Arbeitgeber und die Gewerkschaft für den 29. Oktober vereinbart. 

Gute Voraussetzungen für eine Trendwende

Die Voraussetzungen für eine Trendwende sind trotz aller Probleme gut. Die Beschäftigten sind qualifiziert und motiviert, die Betriebe regional verwurzelt und innovativ. Und die Sozialpartnerschaft hat bislang fast immer zu Lösungen geführt, die für beide Seiten tragbar waren. „Dies ist keine Tarifrunde wie jede andere. Wir müssen die Kosten senken, um den Standort zu retten“, fordert Hauptgeschäftsführer Schirp. „Dann hat die Industrie Zukunft, in Berlin ebenso wie in Brandenburg.“

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